Ich habe jetzt schon so einiges von mir
hören lassen, was es alles zu sehen und zu erleben gibt, wie ich gut
aufgenommen wurde und mich rundum wohl fühle. Allerdings möchte ich
keine perfekte
heile Welt präsentieren, denn auch
wenn es mir bis jetzt sehr gut gefällt, vom Paradies zu sprechen
entspricht einfach nicht der Wahrheit.
Natürlich gibt es die kleinen
Problemchen. Kein warmes Wasser, manchmal kein fließendes Wasser
oder kein Strom/ Internet. Wäsche und Geschirr werden per Hand
gewaschen. Manchmal muss man aus Höflichkeit ziemlich scharfes oder
nicht ganz so leckeres Essen verdrücken. Man lebt auf ziemlich engem
Raum mit anderen zusammen, was bei Meinungsdifferenzen durchaus auch
mal zu kleineren Streitereien führen kann. Die Temperatur ist hier
ebenfalls dauernd leicht erhöht, was zu erhöhtem Schlafbedarf
führt. Aber das wars dann auch schon wieder. Das ist nichts, woran
man sich nicht innerhalb eines Tages gewöhnen würde oder mich
irgendwie noch stört.
Was schon ein wenig unangenehmer ist,
ist der ständige Dreck. Überall auf den Straßen liegt Müll. Oft
sind die Straßen nach dem Regen noch nass und das macht dann
zusammen mit dem Sand eine unangenehme Mischung in den Flip Flops. Im
Maison du Soleil kommt es zu unangenehmen Situationen, wenn man ein
Kind hochnimmt ohne vorher einen Blick in die (wenig dichte) Windel
zu werfen. Oder, wenn man nicht bedenkt, ein Kind nicht auf den
Rücken zu werfen, nachdem es gegessen hat – das Halbverdaute kommt
dann eben wieder hoch. In Toyoyomey, meinem Nachmittagsarbeitsort
wird es meistens spannend, wenn gerade keine Pirogues zur Verfügung
sind und ich zum „Haus am See“ durch Wasser wate. Nicht, dass ich
wasserscheu wäre, aber wenn man einmal weiß, dass diese Lacke
allgemein als Mülleimer und Toilette dient wird es doch etwas
unapettitlich. Über das Thema Sauberkeit könnte ich hier noch ein
ganzes Kapitel schreiben, aber auf andere Umstände war ich ja
bestens eingestellt und kann gut damit leben.
Gott sei Dank kann ich bis jetzt noch
nicht davon reden, wirkliches Heimweh durchgemacht zu haben. Trotzdem
sind die Gedanken ans schöne Österreich täglich präsent und
versüßen die kurzen, einsamen Momente, in denen man gerade nichts
wirklich Sinnvolles zu tun hat. Doch das liebgewonnene „world wide
web“ kennt bekanntlich keine Entfernungen und so ist es manchmal
schwierig zu kapieren, dass ich mich eigentlich wirklich auf einem
anderen Kontinent befinde.
Was das Leben hier öfters wirklich
schwierig macht, sind die vielen Momente in denen man „Nein“
sagen muss. In diese Situation gerät man als Weißer sehr häufig.
Um Hilfe, Geld oder Gegenstände (meine Kette, Schlüsselanhänger,
Kamera,..) zu bitten, löst hier keinerlei Schamgefühl aus, es
scheint das Normalste auf der Welt zu sein, mich mit einem: „Was
hast du mir mitgebracht?“ zu begrüßen. Besonders auf dem Weg zu
meinem Nachmittagsprogramm begegnen mir oft viele Kinder und auch
wenn sie mir meistens nur zurufen, mich grüßen oder wir
irgendwelchen Blödsinn machen, wird mir auch jedes Mal eine kleine
Hand entgegengestreckt und will Geld. Es ist weniger die Situation
selbst, die schwierig zu verarbeiten ist. Man lernt höflich und
gelassen zu erklären, dass Geld nicht nur in ihren Taschen knapp
ist, beziehungsweise vom Thema abzulenken. Das Schwierige kommt erst
danach, wenn man zurückkommt in die vier geschützten Mauern und
sich an den Tisch zu den Schwestern setzt, darauf die mit Wasser
gefüllte Kanne und der bis zum Rand gefüllte Teller. Dann beginnt
man wieder an den Markt zu denken, wo die Menschen bei jeder
Witterung draußen im Dreck schlafen und von Tag zu Tag wieder hart
arbeiten, um sich und ihrer Familie das Überleben zu sichern. Ob man
nicht noch mehr tun könnte, mehr verzichten müsste? Ja, könnte man
immer! Nur wird mir hier, wo ich mit anderen Freiwilligen und
Gutgesinnten arbeite, ganz Besonders bewusst, wie wichtig es ist, auf
sich selbst zu achten, bevor man anderen hilft. Natürlich könnte
man auf viel mehr verzichten und noch viel sparsamer leben, um mehr
geben zu können, doch woher soll man dann noch die Energie nehmen?
Es ist nicht einfach zu verstehen, dass
man nicht jedem helfen kann! Zum Beispiel als wir eine Mutter mit
ihrem 4-monatigen Burschen vom Maison du Soleil verwiesen, weil sie
wahrscheinlich ein Jahr zu alt war und ihre Geschichte allein und
verlassen zu sein vielleicht erfunden war..
Besonders gespürt habe ich das auch in
einem Moment in dem ich gemeinsam mit Sara bei einem Haus vorbeiging,
vor dem gerade ein Kind von einer Frau (seiner Mutter, Tutrice,..?)
geschlagen wurde. Es ist hier allgemein gebräuchlicher Gewalt
anzuwenden. Bereits in im Maison du Soleil wird den Kleinen von den
Müttern (von den Erziehern wird Gewalt natürlich gänzlich
abgelehnt) bereits oft mit Schlägen gedroht. Doch es ist nicht
einfach vorbeizugehen, ohne irgendeine Handlung zu setzen, weil man
weiß, es macht keinen Sinn. Die Frau würde uns nur für verwöhnte
Weiße halten, die sich ins Geschehen einmischen und vielleicht
sogar noch wütender reagieren. So geht man einfach weiter und tut
so, als hätte man nichts gesehen..